
Die dunklen Umrisse der alten Halle waren im Dämmerlicht noch gut wahrzunehmen. Das ehemalige Nachschublager
der finnischen Infanterie lag am Iijoki in der Nähe von Akola im finnischen Lappland. Unmittelbar vor der Mündung
des Flusses ins offene Meer, bildete der Wasserlauf eine natürliche Bucht, wo kleinere Frachtschiffe ungesehen
anlegen konnten. Die Armee hatte die geschützte Lage bereits im Krieg gegen die Sowjetunion als Stützpunkt benutzt,
um ihre Mannschaften, dem feindlichen Blick entzogen, mit dem Nötigsten zu versorgen.
Das flache Gebäude duckte sich förmlich in die Schneise zwischen den Bäumen. Es bestand aus ursprünglich im Armeegrün
gestrichenen Holzwänden, die bis auf das Betonfundament fast völlig verwittert waren, hatte zum Fluss hin keine Fenster
und ein bemoostes Wellblechdach. Seitlich ragte wie ein abgebrochener Finger der Überrest eines ehemaligen Wachturms
in den blaugrauen Himmel. Versteckt hinter einer Baumgruppe hatte er sicher als Ausguck auf die Verladestelle am Wasser,
aber auch ins umliegende Land gedient. Jetzt waren die rostigen Eisensteher gebrochen und die Plattform wurde nur durch
stärkere Äste der ausladenden Baumkronen, die im Laufe der Jahre längst mit dem Gerüst verwachsen waren, am Sturz nach
unten gehindert.
Lisbeth wagte es trotzdem die Leiter am Ende einer der Stützen ein Stück hinaufzusteigen, um in der beginnenden Dunkelheit
eine bessere Sicht auf das Gebäude zu haben. Nur zweihundert Kilometer vom Polarkreis entfernt, fiel das Zwielicht der
anbrechenden Nacht im Herbst schon früh ein. Auch stieg die Temperatur im Oktober hier selten über zehn Grad, und mit
Sonnenuntergang wurde es bereits empfindlich kalt. Die eisernen Sprossen fühlten sich glitschig an, und Lisbeth musste
höllisch aufpassen, nicht abzurutschen. Sie fröstelte, wischte die feucht gewordenen Hände an ihrem Parka ab und zog vorne
den Zipp weiter zu.
Sie hatte eine Kamera mit einem starken Teleobjektiv dabei, die sie sich von einem Kollegen aus der Redaktion geborgt
hatte, mit der sie wesentlich näher am Geschehen sein würde als mit ihrem Handy. Wegen der Arbeiter, konnte sie nicht
genau sehen, was in der Halle zum Transport verpackt wurde, aber die Stücke, die unter Planen auf Paletten festgezurrt
waren, sahen wie riesige Finger aus. Es konnten nur Teile von Rotorblättern sein, die da weggebracht werden sollten. So
umging man die Entsorgung der heiklen Teile, vor allem der Rotorblätter aus Verbundfasern, die eigens geschreddert werden
mussten und hauptsächlich als Füllstoff in der Zementherstellung Verwendung fanden. Die wesentlich günstigere Methode war
es natürlich, sie in Länder der Dritten Welt zu bringen, wo sie auf riesigen Deponien illegal in der Erde landeten. Waren
die Teile einmal außer Landes, krähte hier in Europa kein Hahn mehr danach. Die Paletten trugen mit Schablone aufgemalt
die Aufschrift GHANA – dahin ging die Fracht also.
Lisbeth drückte den Auslöser.